Longieren

Longieren beruht nicht auf Magie, sondern auf der genauen Beobachtung des Pferdes. Dies meint beides: der Longierende beobachtet das Pferd und das Pferd beobachtet den Longierenden. Wie anderen Tieren können dem Pferd vier Distanzen zugeordnet werden: die „Fluchtdistanz“, die „Kritische Distanz“, die „Individualdistanz“ und die „Gruppendistanz“. Das Pferd, das in Herden lebt, begibt sich in Gefahr, wenn die „Gruppendistanz“ so groß wird, da es nicht schnell genug den Schutz durch die Herde wieder erreichen kann. Doch auch in der Herde sind gewisse Abstände zu wahren, denn Leitpferde werden eine größere „Individualdistanz“ beanspruchen. Wird die „Fluchtdistanz“ unterschritten, wird das Pferd zur Flucht getrieben. Wird die „Kritische Distanz“ unterschritten, wird das Pferd zur Abwehr (defensiven Aggression) gezwungen.




Um ein Pferd dazu zu bringen, sich in einer vom Menschen gewünschten Richtung zu bewegen, wird es - wie es in der reiterlichen Sprache heißt - getrieben werden. Der Longierende hält sich dabei in einer bestimmten Position und Abstand zwischen Flucht- und kritischer Distanz zum Pferd auf. Das Pferd wird dabei aber keinesfalls bedrängt, sondern ihm wird vermittelt, dass es sich bewegen soll. Das Pferd setzt sich zwanglos in Bewegung. Nur im harmonischen Miteinander können wir das Pferd mit seiner freiwilligen Hinwendung zur Pause oder zum Ende zu uns anlocken. Die Arbeit an der Longe hat einen inzwischen allgemein anerkannt hohen Stellenwert. Aspekt des gymnastizierenden Longierens ist es, neben der Entwicklung des Ganges vor allem die Stellung und Biegung des Pferdes zu erarbeiten - die Voraussetzung für das Reiten in Balance.


Longieren mit Ausbinder

Wenn sich das Pferd biegt, so stehen Schultern und Hüfte nicht parallel. Dass innere Hinterbein nimmt beim Untertreten zwangsläufig mehr Gewicht auf, weil es näher unter den Schwerpunkt treten muss. Die Hinterhand und der Rücken entwickeln durch das stärkere Tragen mehr Muskulatur und wird im Laufe des wiederholten Trainings kräftiger. Um mehr Gewicht auf der Hinterhand zu tragen, wird das Pferd die Kruppe absenken und die Hanken beugen und den Rücken nach oben wölben. So wird die Voraussetzung geschaffen, dass das Pferd den Reiter tragen kann. Das nebenstehende Bild aus dem Jahr 1791 zeigt ein ausgebundenes Pferd. Hier soll nun nicht über Hilfszügel (Ausbinder, Stoßzügel, Dreieckszügel, Schlaufzügel, Martingal) debattiert werden. Hilfszügel helfen dem Pferd nicht, vermehrt unterzutreten und sich zu versammeln. Hilfszügel erinnern mich an die Verschnallungen von Menschen, wie sie von Moritz Schreber (nebenstehende Zeichnung von 1858) empfohlen wurde.

Geradehalter nach Schreber

Sieht man Pferde, die sich an der Longe schräg in die Kurve legen und zu ihrer Balance Hals und Kopf nach außen bringen, dann läuft im wahrsten Sinne des Wortes etwas schief. Das Pferd stützt sich auf das innere Vorderbein, welches sowieso schon die vermehrte Last trägt. Kommt dann noch der Reiter hinzu, ist die Gesundheit der Vorderbeine stark gefährdet. Bei der Longenarbeit lässt sich das Pferd an eine innere Ruhe heranführen. Die Heeresdienstvorschrift aus dem Jahr 1912 sagte unter „Bearbeitung des Pferdes an der Leine“ schlicht: „Das Ziel der Leinenarbeit ist erreicht, wenn die jungen Pferde mit langem Halse, vorwärts-abwärts gerichteter Nase, am Zügel [ausgebunden; eigener Hinweis] und an der Leine stehen, völlig losgelassen und ruhig traben und galoppieren sowie Schritt gehen.“ Es sind Trab und Galopp zusammen mit innerer Ruhe, die beim Zuschauer den Eindruck eines majestätischen Lebewesens erwecken.

Waldemar Seunig fasst die beiden vorgenannten Aspekte der Longenarbeit 1943 wie folgt zusammen: „… Arbeit, deren Ziel darin besteht, durch Treiben die Losgelassenheit an der Longe und eine dem Gebäude entsprechende Entwicklung des Ganges und der Biegsamkeit zu erreichen.“ Zur Kräftigung der tragenden Muskulatur und zur Gewinnung innerer Gelassenheit kommt ein dritter Aspekt hinzu. Während der Longenausbildung entwickeln sich die Kommunikation und die Vertrauensbasis und werden später weiterhin gefestigt. Am liebsten ist mir der Text von Waldemar Seunig aus „Von der Koppel bis zur Kapriole“: „Das Longieren ist nicht nur ein ausgezeichnetes Mittel, das Vertrauen des jungen Pferdes zum Menschen auch außerhalb des Stalles zu befestigen und es handfromm zu machen, es gibt ihm auch die zur Erhaltung der Gesundheit notwendige zwanglose Bewegung.“

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