Pferde sind friedliebende Tiere. Sie müssen weder ein eigenes Revier erobern noch verteidigen. In der Herde haben Pferde einen bestimmten Rang, den sie gegenüber anderen Pferden durchgesetzt oder zugewiesen bekommen haben. Kämpfe um die Rangordnung sind selten, denn zumeist genügen zum Erringen und zur Verteidigung bereits ein Imponieren und Droh- resp. Unterlegenheitsgebärden.
Die Gruppenhaltung kommt der natürlichen Lebensweise vonPferden am nächsten. Neu ist diese Haltungsform nicht und es gibt weiterhin Wildbahngestüte, in denen etwa das Dülmener Wildpferd, das Exmoor Pony oder das Camargue Pferd leben. Anders als dort entscheidet im Offenstall der Mensch über die Zusammensetzung der Gruppe. Bei der Zusammenstellung der Gruppe gilt es daher, eine stabile Rangordnung zu fördern, ohne körperverletzende Rangordnungskämpfe zu provozieren. Rangniedrige Tiere dürfen sowohl in Ruhe und beim Fressen nicht benachteiligt werden.
Die Pferdehaltung im Offenstall leidet noch immer unter dem Vorurteil, dass Rangeleien zu Verletzungen führen. Rangeleien unter Pferden scheinen abhängig zu sein von der Gruppengröße, der Lage von Futter- und Wasserstellen, der Ruhezonen und anderen Faktoren. Signifikant mindert ausreichender Platz für jedes Pferd die Rangeleien. Zum Dösen, Schlummern und Schlafen bevorzugen Pferde die Gesellschaft ihrer Artgenossen.
Im Folgenden wird die Bezeichnung „Aggression“ nicht mit Gewalt gleichgesetzt und negativ als destruktives Verhalten bewertet. Aggression wird vielmehr als eine Form der Erregung verstanden, die es ermöglicht, Behinderungen zu beseitigen oder ernsthaften Bedrohungen zu begegnen.
Aggressives Verhalten ist in Menschen und Tieren verankert, um sich zu verteidigen oder um benötigte Ressourcen zu gewinnen oder um sich in potenziell gefährlichen Situationen zu verteidigen. Pferde sind heute Partner in Sport und Freizeit. Nicht immer wird dabei möglichen Missverständnissen vorgebeugt und so kommt es zu geringfügigen Vorfällen wie Bissen oder Drängeleien, aber auch zu Unfällen.
Aggressives Verhalten ist genetisch mitbestimmt, wie die Domestizierung zeigt. Durch gezielte Selektion über Jahrhunderte wurde bei Nutztieren deren Aggressivität gemindert. So unterscheiden sich Pferde nicht nur in ihrer Größe und Fellfarbe, sondern auch in ihrem grundsätzlichen Verhalten und damit verbunden bei ihrer Verwendung. Bei einzelnen Tieren bestimmen weiter Hormone das Verhalten.
In Herden ist ein physischer Kontakt bei Konflikten relativ selten zu sehen. Pferde drohen und teilen so ihre Absichten anderen Pferden mit, so dass Rangeleien und Kämpfe vermieden werden. Typische Anzeichen für aggressives Verhalten sind: kleine Augen mit blinkender Sklera, angelegte Ohren, hochgezogene Lippen mit sichtbaren Zähnen, erweiterte Nasenlöcher, Kopf und Hals werden abgesenkt, schnelle Bewegungen des Schweifes und angespannte Muskulatur. Pferde wenden sich dem Objekt ihrer Aggression zu. Wenn eine Drohung nicht ausreicht, wird gedrängelt, dem Objekt gefolgt, mit Bissen gedroht oder gebissen, wird in die Luft getreten oder gegen das Objekt getreten. Offensive und defensive Aggressivität lassen sich etwa beim Hufschlag deutlich unterscheiden - entweder wird der Schweif geschlagen und die Ohren sind nach hinten gestellt oder aber der Schweif wird eingezogen und die Ohren seitwärts gestellt. Es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede - Stuten benutzen normalerweise ihre Hinterhufe, während Hengste steigen und mit den Vorderhufen angreifen oder sich verteidigen. Und es sei nochmals betont: Pferde fliehen vor der Gefahr und gehen erst dann zur aktiven Verteidigung über, wenn eine Flucht nicht möglich ist.
Aggressionen unter Pferden sind ein normales Verhalten bei Wildpferden. Soweit es nicht sehr intensiv ist, gilt es ebenso als natürliches Verhalten bei domestizierten Pferden. Pferde sind Herdentiere und entwickelten für ihr Zusammenleben soziale Verhaltensweisen. Die Herde ist hierarchisch geordnet, was für die Sicherheit der gesamten Gruppe wesentlich ist. Aggression ist ein Faktor, der neben anderen den Platz in der Hierarchie beeinflusst.
Gleichwohl ist die Hierarchie nicht starr aufgebaut, sondern wechselt gelegentlich. Unter den etwa ranggleichen Pferde bestimmen auch Freundschaften den Umgang untereinander.Leittier ist selten das mit dem aggressivstem Verhalten, sondern das mit am meisten Führungsqualität.
Konflikte treten insbesondere dann häufig auf, wenn ein Pferd die kritische Entfernung zu einem anderen Pferd unterschreitet. Dominante Pferde beanspruchen größere Abstände um sich herum. Sobald die Hierarchie festgelegt ist, werden Aggressionen von den dominanten Pferden nur selten beobachtet, weil ihre Dominanz durch andere Pferde respektiert wird. Ein Hengst steht nicht immer an der Spitze der Hierarchie, es können auch Wallache dominanter sein, und häufig wird eine Herde durch eine Stute geführt. Eine ausreichend stabile Hierarchie reduziert daher innere Konflikte und damit die Anzahl der Verletzungen untereinander.
Zu Hengstkämpfen ist eine Anmerkung notwendig: Pferde zeigen bereits vor einer Auseinandersetzung ihre Kampffähigkeit, in dem sie olfaktorische und akustische Signale geben. Eine körperliche Auseinandersetzung wird so oft vermieden.
Hengstkämpfe werden jedoch in einzelnen Länder aus Brauchtum oder gar anderen Gründen organisiert. In Skandinavien und Island sind solche Hengstkämpfe während der Wikingerzeit dokumentiert. Es gab sie bis ins 19. Jahrhundert. Heutzutage werden - oft illegale - Hengstkämpfe in Asien, Südchina, den Philippinen, Indonesien und Südkorea organisiert. Da die mutwillig aufgeheizten Hengste sich schwer verletzen, werden derartige Veranstaltungen von Tierschützern angeprangert. In Galizien kommt es während der „Rapa das bestas“ unter halbwilden Ponys zu Hengstkämpfen. Bei Hengstauftrieb im österreichischem Rauris kämpfen vor Zuschauern die Hengste der Noriker um ihren Rang als Leithengst; es soll so späteren Rangkämpfen auf der Almweide vorgebeugt werden. Der Hengstkampf bildet ein Thema in Literatur, Bildhauerei und Malerei.
Die Anzahl und Intensität von aggressivem Verhalten nehmen schnell zu, wenn ein neues Pferd in die Gruppe kommt. Bei Wildpferden kommt dies beispielsweise vor, wenn Stuten aus ihrer einheimischen Herde abwandern. Die Dauer des agonistischen Verhaltens hängt vom Temperament des neuen Pferdes ab und von der gezeigten Aggression. In der Offenstallhaltung ist es wichtig, solche agonistischen Interaktionen zu mindern. Die Aggressionen sind geringer, wenn ein neues Pferd neben anderen Pferden untergebracht wird, aber zunächst durch einen Zaun getrennt. Der Zaun gibt Pferden die Möglichkeit, sich gegenseitig zu sehen und zu riechen.
Während der Fütterung, insbesondere der unnatürlichen Kraftfutterfütterung, kann ein hohes Maß an aggressivem Verhalten beobachtet werden. Es ist wichtig, Futtermittel so zur Verfügung zu stellen, dass auch unterwürfige Pferde daran kommen können. Dominante Pferde beanspruchen das Futter und schieben unterwürfige Pferde weg. Ältere Stuten dominieren die jüngeren, die von diesen lernen. Die meisten Rangeleien finden unter Stuten jünger als 5 Jahre statt, weil diese Stuten noch keinen stabilen Rang in der Herde haben. Mit dem Alter und dem stabilen Rang in der Herde nimmt dieses aggressive Verhalten ab. Stuten ohne Fohlen zeigen die meisten agonistischen Verhaltensweisen. Aggressionen zwischen Mutterstuten sind ziemlich selten. Bei und nach einer Geburt wächst die defensive, aber auch eine offensive Aggressivität.
Aggression von Mutterstuten kann sich gegen andere Tiere und auch Menschen richten. Ein natürliches Verhalten der Stute besteht darin, ihr Fohlen vor Fremden zu schützen. So sind Stuten normalerweise nicht aggressiv zu ihnen gut vertrauten Menschen. Mit zunehmendem Alter der Fohlen verschwindet die Aggressivität der Mutterstuten wieder. Es wurde beobachtet, dass Hengste andere Hengstnachkommen töten können. Die Angriffe ähneln denen gegen junge, geschlechtsreife Hengste, die aus der Herde vertrieben werden. Dieses Verhalten ist selten, dennoch sollte man sich dessen bewusst sein. Pferde zeigen unter bestimmten Umständen auch eine gegen sich selbst gerichtete Aggression, worauf hier nicht weiter eingegangen werden soll.
Pferde können versuchen, über Menschen zu dominieren. Dominanz wird normalerweise demonstriert durch Missachten von Befehlen, Drücken oder Aggressionen wie beißen oder tänzeln. Das gilt besonders für Hengste, die zudem schnell lernen, auf welchem Weg sie sich durchsetzen können. Wenn man das Gelände eines Offenstalles betritt, gilt es, den Pferden gegenüber sicher und entschieden aufzutreten, dass heisst zum Beispiel die Pferde ausweichen zu lassen.
Der Wert eines Freizeitpferdes hängt heute unter anderem von seiner Bereitschaft ab, sich der menschlichen Autorität zu unterwerfen. Wenn Pferde nicht darauf trainiert sind, Menschen zu respektieren, kann aggressives Verhalten zu gefährlichen Situationen führen. Nicht artgemäßer Umgang mit Pferden kann diese verderben, weil unerfahrene Menschen das aggressive Verhalten eines Pferdes durch ihr eigenes Verhalten festigen können. So haben beispielsweise viele Menschen wegen der Erregbarkeit von Hengsten vor ihnen Angst und die Tiere werden isoliert gehalten. Das ist gerade keine Lösung des Problems, sondern verschärft es. Bewegungsmangel und der fehlende Kontakt zu anderen Tieren beeinträchtigen den mentalen Zustand des Hengstes weiter negativ. Dagegen kann bewusster Umgang mit Pferden viel dazu beitragen, dominante Verhaltensweisen zu mindern.
Aggression tritt bei Pferden insbesondere dann auf, wenn die Pferde geängstigt sind. Geängstigte Pferde ohne Möglichkeit zur Flucht können sich zu ihrer Verteidigung aggressiv verhalten. Es wird oft beobachtet, dass einzelne Pferde vor bestimmten Objekten oder Menschen eine Angst zeigen. Dies sind nicht nur unbekannte Objekte, sondern Objekte, die dem Pferd in Erinnerung gebliebene Beschwerden oder Schmerzen zugefügt haben. Ärzte und Hufschmiede wissen darum.
Viele Reiter fügen dem Pferd aus Unwissenheit Schmerzen zu. Bei diesen Pferden wird aggressives Verhalten beim Bürsten oder Satteln beobachtet und die Reiter sind oft Bissen ausgesetzt. Ein solches Pferd wird zum Problempferd ernannt.
Bereits in der Ausbildung der Pferde kommt es auf einen artgerechten Umgang an. Pferde müssen früh lernen, dem Menschen mit Respekt zu begegnen. Das erfordert einen klaren, konsequenten, aber vertrauensvollen Umgang. Dadurch können in der Zukunft gefährliche Situationen vermieden werden.
Auch Ausbildungs- und Sportpferde können in einem Offenstall gehalten werden. Die Pferde sind ausgeglichener und ruhiger, sowie gesünder bei weniger Atemwegsproblemen, Koliken oder Gelenkbeschwerden. Davon profitieren letztlich die Besitzer, selbst dann, wenn einmal ein Biss oder Hufschlag im Fell zu sehen wäre.