Mädchen lieben Pferde. Sie haben weiche und warme Lippen. Sie haben große und dunkle Augen. Obwohl Pferde riesig sind, machen sie selbst kleinen Mädchen keine Angst. Das sind nicht meine Worte, aber so war es wohl auch bei mir. Mit zehn Jahren hatte ich meine ersten Reitstunden.
Bis heute sind bald vier Jahrzehnte vergangen. Seit fast 30 Jahren unterrichte ich als Reitlehrerin. „Reitlehrer“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung und es gibt keine vorgeschriebene Ausbildung. Reitlehrer gehören zu den freien Berufen, die eine schöpferische Lehrtätigkeit ausüben. Sie sind keine Gewerbetreibenden, sondern Freiberufler. Es gibt selbsternannte Ausbildungsstätten, die nach kostenpflichtiger Ausbildung ein vielleicht fragwürdiges Zertifikat ausstellen. Oder in einem Reitbetrieb unterrichtet ein Pferdewirt die Anfänger. Das ist nicht schlecht, denn der Beruf des Pferdewirts mit zwei bis drei Ausbildungsjahren ist anerkannt. Oder in einem Reitverein unterrichtet ein Trainer (C: Reitschüler im Anfänger-Stadium, B: Fortgeschrittene, A: weit Fortgeschrittene), dessen Qualifikation von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung geprüft wurde. Ein solcher Trainer verfügt über ein umfangreiches Fachwissen. Wer nicht nur reiten, sondern besser reiten möchte, wird sich einen qualifizierten Reitlehrer suchen.
Reitlehrerin zu sein, ist ein Traumberuf. Ein Traumberuf muss zwei Bedingungen erfüllen - erstens muss er Spass machen und zweitens muss der Beruf mich ernähren. Bleiben wir beim Ernähren. Die Reitstunde erscheint vielen teuer - doch sie ist es im Vergleich zu Handwerkern usw. nicht. Hier wie dort müssen die Einnahmen die fixen Kosten decken. Nicht jeder Reitschüler sitzt auf seinem eigenen Pferd. Meistens stelle ich das Pferd, das dazu von mir gehalten wird. Hinzu kommen Steuern und die Kosten für die beruflichen Versicherungen, die zur Sicherheit der Reitschüler und des Betriebes abgeschlossen wurden. Was dann von den Einnahmen übrig bleibt, ist ein Arbeitnehmereinkommen, von dem allerdings noch die gesamten Kosten für die eigene Kranken- und Rentenversicherung abgehen, da es einen hälftigen Zuschuss eines Arbeitgebers nicht gibt. Wer vor den Toren einer Großstadt unterrichten kann, findet eher Reitschüler. Wer fernab größerer Städte unterrichtet, muss bekannt sein, um hinreichend Fortbildungswillige zu finden.
Und nun komme ich zum Spaß. Die Reitschüler kommen in ihrer Freizeit, also nachmittags bis abends und am Wochenende. Das ist nur ein Teil meiner Arbeitszeit. Die Einnahmen aus dem Reitunterricht schwanken je nach Jahreszeit und es müssen weitere Einnahmen hinzukommen, in meinem Fall aus der Pensionspferdehaltung. Die Stallarbeit beginnt um 8 Uhr morgens - jeden Morgen, also auch am Wochenende. Und die Stallarbeit endet oft abends spät. Für mich gab es schon es schon damals nicht nur das Reiten. Das Füttern und Pflege der Pferde gehörten immer dazu, genauso wie auch alle Arbeiten im Stall oder die Pflege des Sattelzeuges. Zum Arbeitsalltag gehört nicht nur der Reitplatz oder das Gelände, sondern auch das Büro. Reitlehrer und Bereiter gibt es in allen Sparten der Reiterei, sei es Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Voltigieren, Westernreiten, Gangreiten, klassisch-barockes Reiten, Bodenarbeit oder Gespannfahren und anderes mehr.Um diesen Beruf ausüben zu können, müssen auch einige Fähig- und Fertigkeiten mitgebracht werden. Ein Reitlehrer sollte physisch und psychisch belastbar sein. Talent im Umgang mit Pferden ist unverzichtbar. Eine solide reiterliche Grundausbildung und viele Jahre Erfahrung sind Voraussetzung. Ein Reitlehrer sollte die unterschiedlichen Eigenschaften von Pferden und Reitern erkennen und ebenso die verschiedenen Erwartungen von Reitschülern verstehen. Ebenso ist theoretisches Wissen zum Verhalten der Pferde und zur Reitkunst gefordert, das gelehrt werden will. Ziel ist dabei, Verständnis und Harmonie zwischen Reiter und Pferd zu vermitteln.
Wer gerne mit Pferden umgeht, findet seinen Traumberuf vielleicht nicht nur als Reitlehrerin. Es gibt noch die traditionellen Berufe des Hufschmieds oder des Sattlers. Da gibt es zum Beispiel den Tierarzt für Pferde, die Fachkraft für therapeutisches Reiten, den equinen Osteopathen, die Bekleidungsbranche rund ums Pferd, die Pferdefotografie und noch vieles mehr.
Es gibt übrigens seit 2014 ein Studium zum Bachelor of Science „Pferdewissenschaften“ an der Freien Universität Berlin - Schwerpunkte des Studiengangs sind Tierschutz, Tierhaltung sowie Artgerechte Pferdeausbildung, Aspekte der Pferdegesundheit aus tiermedizinischer Sicht sowie die Bedeutung biotechnischer Verfahren der Reproduktionsmedizin. An der Universität Göttingen gibt es einen Masterstudiengang. In England, den Niederlanden und in Österreich gibt es weitere Bachelorstudiengänge.